Monatsarchiv für Februar 2007

28.2. – Mainz

Mittwoch, den 28. Februar 2007

15.00 Uhr
Hamburg-Heiner: Offtag, was ist das denn für eine Scheißvokabel, Offtag?!
Sven: So nennen wir das, so heißt das, so hieß das immer.
HH: Ihr müßt mal eure Gewohnheiten hinterfragen.
Sven: Da fangen wir mal lieber gar nicht erst mit an.
HH: Das ist auch so eine Bremer Schweinerei, das Wort damit in da und mit auseinanderzurupfen und die Einzelteile dann irgendwie sinnlos in den Satz hineinzudübeln, als wäre alles scheißegal.
Sven: Was ist denn heute los, Hamburg? Habt ihr Föhn da oben?
HH: Ich krieg gleich nen Fön. Offtag!
Sven: Das ist der Tag, wo man gar nichts tun darf.
HH: Nichts? Gar nichts?
Sven: Überhaupt nichts. Null. Nix. Nada. Niente. Nullinger.
HH: Nicht mal Fernsehen?
Sven: Nix!
HH: Schlimm. Kein Wunder, daß das so einen komischen Namen hat.
Sven: Das hat keinen komischen Namen, Hamburg. Du hast einen komischen Namen.
HH: Auch wieder wahr. Aber immer noch besser als Franka Potente.
Sven: Das ist Ansichtssache. Ich finde, das ist ein schöner, ehrenwerter Name.
HH: So würde ich nicht genannt werden wollen.
Sven: Die Gefahr besteht nicht, Hamburg.
HH: Dann ist ja gut.
Man hätte das Handy noch auslassen sollen.

17.00 Uhr
Ich hätte auch gerne so Koteletten wie Ed Csupkay.

17.10 Uhr
Ed sagt: Keine Chance.

17.15 Uhr
Mainz ist eine schöne Stadt, gelegen an der Stelle, an der der Main in den Rhein schwappt. Aber größtenteils gegenüber. Hierher führen viele Wege, auch und gerade die von der Main-Taunus-Verkehrsgesellschaft, wegen der der Musiksender MTV in Deutschland lange Jahre nicht unter www.mtv.de im Internet auftreten durfte. Das nur am Rande, falls sich früher mal jemand gewundert haben sollte, warum die immer die Adresse mtv-home.de hatten. Mittlerweile (oder mittlererweile, wie Ch. K. aus Lohr am Main sagen würde) scheinen die sich geeinigt zu haben. Wahrscheinlich waren die vom Main-Taunus-Verkehrsverbund irgendwann auch mal genervt, daß sie immer Anfragen zu den Back Street Boys beantworten mußten. Die wollten auch mal einen Offtag haben.

17.20 Uhr
Ed sagt: Vergiß es!

27.2. – Offtag

Dienstag, den 27. Februar 2007

Offtag.

26.2. – Mannheim

Montag, den 26. Februar 2007

10.30 Uhr
Beim Gang durch die Fußgängerzonge Saarbrückens kam es zu einem kurzen Anfall von Rock’n'Roll-Shopping. Besitze jetzt eine schwarz-gelbe, wiederaufladbare Taschenlampe mit Standvorrichtung. Die könnte noch nützlich werden, wenn’s mal dunkel ist. Das Restaurant im Saarbrücker Rathaus heißt “König von Bayern”. Stark.

13.00 Uhr
Bei der Fahrt nach Mannheim hinein viele Plakate gesehen, bloß keins von uns. Dafür aber einige von einer “Über 30 Tanzparty”. Über 30 Tanzparty. Über 30 Tanzparty. Könnte ich stundenlang drüber nachdenken. Habe dazu aber keine Zeit. Muß nämlich darüber nachdenken, wie ich in den 80ern als Tippse beim Internationalen Institut für vergleichende Gesellschaftsforschung, Schwerpunkt Arbeitspolitik wochenlang Interviews mit Mitarbeitern der AOK Mannheim abtippte, bei denen es um die Probleme bei der Einführung von EDV unter den besonderen Bedingungen der Allgemeinen Ortskrankenkassen ging. Man konnte das Ergebnis dann ungefähr so zusammenfassen: Es war nicht immer leicht, aber irgendwie ging’s. Wichtig war aber diese Aussage eines der AOK-Mannheim-Mitarbeiter in einem der Interviews: “Auf der anderen Seite liegt Ludwigshafen: Die haben die Chemie, wir haben die Abgase.” Hm. Das hat irgendwie einen bitteren Beigeschmack, das sollen die mal lieber unter sich ausmachen!
Sonstige Plakate: Subway To Sally, Jakob Hein und Wladimir Kaminer im Doppelpack, Lydie Auvray und die Auvrettes, diverse Musicals, Theaterstücke, Schaumparties, Comedy, Blues Jam Sessions.
Sieht so aus, als ob die hier auch ohne Chemie lustig sein können.

25.2. – Saarbrücken

Sonntag, den 25. Februar 2007

7.30 Uhr
Im Landgasthof Hirsch in Neu-Ulm tragen alle dort arbeitenden Frauen ein Dirndl. Das lob ich mir. Vielleicht sollte man verlangen, daß auch unsere Crew im Dirndl arbeitet, aber sowas ist schwer durchzusetzen in diesen permissiven Zeiten.

14.00 Uhr
Die ganze Fahrt nach Saarbrücken geschlafen. Unanständig ausgeruht aus dem Bus gestiegen. Fisch zum Mittag. Die Ruhe vor dem Sturm?

15.00 Uhr
Saarbrücken ist die Hauptstadt des Saarlandes und liegt an der Saar. Es gab in einem Schulbuch von mir mal eine sehr beeindruckende Luftaufnahme von der Saarschleife. Das ist dann so der Kram, an den man sich nach 35 Jahren noch erinnert.

17.00 Uhr
Das Hotel hat einen Zen-Garten. Nach 10 Minuten im Zen-Garten mit der Welt versöhnt. Es ist alles ein Mißverständnis gewesen, ein Irrtum, meine Schuld, vergeben und vergessen, Yin und Yang usw. Beim Soundcheck das Grabkreuz, mit dem sie das Gesangsmikrofon markiert hatten: Das war sicher nicht persönlich gemeint. Die schmutzigen Tassen und Teller auf meinem Gitarrenverstärker, die Knoten im Gitarrenkabel, die Butter auf der Bühnentreppe – sowas kann schon mal passieren.

17.10 Uhr
Der Rotwein korkt wie die Sau, aber die anderen sagen, das würde ich mir nur einbilden. Ich muß dringend noch einmal in den Zen-Garten.

17.30 Uhr
Im Zen-Garten treffe ich einen Mann im weißen Kittel, der Küchenabfälle entsorgt. Er fragt mich, was ich vorhabe. Lustwandeln und meditieren, sage ich, und er schlägt vor, ich solle dafür vielleicht lieber in den Zen-Garten gehen, das sei hier nur der Hof für die Mülleimer. Ich hatte mich schon gewundert, was für eine komische Zen-Richtung das wohl ist, bei denen blickt ja schon lange keiner mehr durch.

17.40 Uhr
Es stellt sich heraus, daß jemand kurz vor meiner ersten Ankunft im Hotel die Zen-Garten-Hinweisschilder umgestellt hatte.

17.41 Uhr
Ab jetzt garantiere ich für nichts mehr!

24.2. – Ulm

Samstag, den 24. Februar 2007

0.15 Uhr
Gestern kam der Rest der Crew dazu. In Deutschland haben wir eigene Verstärker- und Lichtanlagen sowie eigenes Catering auf der Straße, das sind noch einmal ein LKW-Fahrer, ein Busfahrer, drei Techniker und zwei Köche mehr. Die werde ich auch alle nicht erwähnen. Hoffentlich verbünden sie sich nicht mit den anderen zwölf, dann wird’s schwer.

9.00
In Lörrach noch schnell in die Apotheke, Emser Pastillen kaufen. Hab mir bei der Gelegenheit noch Aspirin, Lemocin, Bepanthen-Lutschtabletten, Talcid, Chlor-Hexidin, Plaster-Strips mit lustigen Tier-Motiven, Multivitamintabletten, Vitamin-C-Brausepulver, ein Haifischknorpel-Präparat, Omega-3-Fettsäuren-Fischölkapseln, elastische Binden, Zinksalbe, ABC-Pflaster, Otriven-Tropfen und -Spray, 0,9-%ige sterile Kochsalzlösung, ein Blutdruckmeßgerät, Oral-Pädon, Kohle-Kompretten, Mobilat, Bronchipret, Sinupret, Tonsipret, Tonsilgon und eine Käptn-Blaubär-Wärmflasche andrehen lassen. Man weiß ja nie, womit die einen anstecken. Gegen Paranoia wollten sie mir Johanniskraut verkaufen, aber ich laß mich nicht verarschen.
Die stecken doch alle unter einer Decke!

14.30 Uhr
Das Handy-Display sagt “Oma”, also gehe ich ran, aber es ist nicht Oma dran, sondern Hamburg-Heiner. Rätselhaft.
Sven: Hallo Oma.
HH: Geh scheißen, von wegen Oma! Stubaital wird mit ai geschrieben, nicht mit ei, du Flachlandtiroler. Und kein Wort in deinem Blog über die Konzerte in Innsbruck und Lörrach, habt ihr da überhaupt gespielt, oder seid ihr nur unterwegs, um euch gegenseitig Zahnpasta auf die Türklinken zu schmieren?
Sven: Ich faß schon lange keine Türklinken mehr an. Die Türklinke ist ja auch ein Ding, das man auf Tournee kaum noch antrifft, das ist ja alles schon offen oder elektronisch oder was.
HH: Wie jetzt, offen?
Sven: Ich faß die jedenfalls nicht an, das macht immer der Tourmanager, der macht immer die Türen auf.
HH: Was hast du ihm denn dafür versprochen?
Sven: Nichts, ich geh immer hinter ihm, dann macht er immer die Türen auf. Und wegen den Konzerten, mal ehrlich, Hamburg, was soll ich denn schreiben? Die Konzerte sind doch immer voll der Hammer, alles voller schöner Menschen, die vor Freude nach jedem Song in die Hände klatschen, das kann man doch nicht jeden Tag wieder schreiben, das kommt ja höchstens als Schleimerei rüber.
HH: Das wäre doch genau dein Ding.
Sven: Nix. Das wäre nicht genau mein Ding. Mein Ding ist, dieses Blog auf das Wesentliche zu reduzieren, da bleibt kein Platz für Schleimerei, da zählen nur die harten Fakten. Wie ich das Konzert in Innsbruck erlebt habe, das ist doch total subjektiv, außerdem steht mir da keine Wertung zu, das wäre doch total anmaßend und patronisierend. Aber Flachlandtiroler, das ist ein interessantes Wort, das habe ich schon lange nicht mehr gehört, wußtest du eigentlich, daß der Bremer Alpenverein…
HH (streng): Laberflash ist auch ein interessantes Wort!
Sven: …ja, ja, daß jedenfalls der Bremer Alpenverein der größte Alpenverein Deutschlands ist, das wissen nämlich die wenigsten, wobei ja der Weiher Berg, die höchste Erhebung Bremens…
HH: Laberflash, Kamerad, Laberflash!
Sven: …mit seinen 30 Metern oder so auch nur ein künstlicher Berg ist, weil nämlich aus Müll hergestellt, wenn ich das richtig verstanden habe.
HH: Das ist allerdings interessant, erzähl mehr davon.
Sven: Naja, das war’s eigentlich schon.
HH: Bist du sicher?
Sven: Laberflash – ist das nicht das, was die Kiffer manchmal kriegen?
HH: Es gibt auch Naturverstrahlte, glaub mir das.
Sven: Die haben’s gut.
HH: Ich leg dann mal auf, Oma hat den Kaffee fertig.
Sven: Schöne Grüße.
HH: Sie fragt, ob du auch immer genug zu essen bekommst.
Sven: Welche Oma überhaupt?

Ich muß unbedingt mein Handy neu programmieren.

17.40 Uhr
Ulm liegt an der Donau, am östlichen Rand des Bundeslandes Baden-Württemberg. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Neu-Ulm, das liegt in Bayern. Ulm hat ein beeindruckendes Münster in seiner Mitte, von dem seinerzeit der Schneider von Ulm mit seinem Fluggerät startete. Das soll auch eine Zeitlang funktioniert haben, aber dann fiel er damit in die Donau und wurde verspottet.
Das ist aber jetzt aus der Erinnerung erzählt, recherchiert wird hier gar nichts, hier wird einfach nur behauptet, schließlich sind wir im Internet.

23.2. – Lörrach

Freitag, den 23. Februar 2007

7.30 Uhr
Kellner im Frühstücksraum (KiF): Allein oder Gruppe?
Sven: Äh, äh…, puh, ja, also… – Gruppe.
KiF: Wieviele
Sven: 12 oder 13.
KiF: Und kommen die auch alle gleich?
Sven: Ja, glaub schon, wahrscheinlich…?
KiF (guckt Sven sehr streng an): Sicher?
Sven (wird langsam bockig): Ja logo, klar kommen die, die können ja nicht nur von Überraschungseiern leben.
KiF (gnädig herablassend): Na gut.
Und so komme ich an den großen 12er Tisch, allein. Alles ganz fein eingedeckt mit riesigen Leinentischtüchern, gefalteten Servietten usw, auf die ich erst einmal ein paar Teekannen- und Orangensaftringe appliziere, das ist nun mal so, außerdem kommen ja gleich die anderen, und die sind ja noch viel schlimmer.
Wenn sie aber nicht kommen, denke ich, während ich nacheinander drei Eier köpfe um herauszufinden, in welchem am wenigsten Glibber ist, wenn sie aber nicht kommen, dann gnade mir Gott, denn dieser Mann dort, denke ich, während ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie der Kellner mich nachdenklich betrachtet, dieser Mann wird keine Gnade kennen, soviel ist mal sicher. Um mich herum sind alle anderen großen Tische besetzt mit Gruppen guterzogener, amerikanischer Teenager, von denen sich immer mehr in den Saal ergießen und nun auch nach und nach die kleineren Tische besetzen, während ich noch immer allein an dem monströsen 12er-Tisch vor mich hinwerke und schon mal dazu übergehe, die gröbsten Schweinereien wie z. b. die Eigelbflecken und die Marmeladeneinsprengsel so gut es geht mit drei, vier Servietten zu bedecken. Der Gang zum Buffet wird zum Gang an den Pranger, ich glaube spüren zu können, wie sie hinter meinem Rücken auf mich zeigen und sich “Da läuft der verdammte Asi, der sich einen 12er-Tisch erschlichen hat, während wir unsere sportorientierte Teenagerposse auf drei, vier Einzeltische aufteilen müssen, wodurch unsere sexintensive Gruppendynamik zu einem schmerzhaften Stillstand kommt” in die Ohren flüstern, was immer das alles dann auch auf englisch heißen mag, denn das solltet ihr wissen, deutsche Verleger und Übersetzer: es gibt kein Amerikanisch, das ist eine Erfindung deutscher Verleger und Übersetzer, die mit der Realität nichts zu tun hat, es gibt kein Amerikanisch so wie es kein Österreichisch, Argentinisch oder Brasilianisch gibt, es gibt nur Englisch, Deutsch, Spanisch und Portugiesisch, und wenn jetzt ein paar Verleger- und Übersetzer-Knalltüten und -Klugscheißer kommen und davon reden, daß in den USA doch einige bemerkenswerte Unterschiede im dortigen Englisch im Verhältnis zum Englisch, das man in Großbritannien spricht, bestehen, dann schleudere ich ihnen entgegen: Das haben Sprachen so an sich, daß sie je nach Gegend auch mal etwas variieren, und kommt ihr mir mal nach Österreich oder in die Schweiz, wo es schon mal heißt: Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat, oder: Falschparkierer werden verzeigt!
Da wir gerade von Knalltüten reden: Ich sitze hier immer noch alleine, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kellner mich von hier vertreibt, aber keine Frage der Zeit mehr, daß er mich haßt, denn das tut er schon, sonst würde er nicht bei jedem zweiten Vorübergehen “Kommen die noch?!” rufen, so laut, daß die amerikanischen Teenager zusammenzucken und skihosenraschelnd in Deckung gehen.
Andererseits, denke ich, und tue noch etwas Nutella auf die Tischdecke, andererseits sind wir jetzt schicksalhaft verbunden. Sicher möchte er mich am liebsten vertreiben, aber das wäre nicht nur eine Demütigung meiner Person, sondern auch ein Eingeständnis seiner eigenen Niederlage, denn er müßte dann wegen einem einzigen Mann den ganzen 12er-Tisch wieder herrichten, und je mehr Schaden ich hier anrichte, desto unantastbarer macht es mich, denke ich und werfe erst einmal ein Orangensaftglas um, und als der Kellner wieder vorbeikommt und “Kommen die noch?” brüllt, daß die Fensterscheiben zittern, sage ich ihm, daß die natürlich noch kommen, die duschen immer nur so lange, und daß er mir bitte mal Kaffee bringen möge, der Tee sei doch nicht so das Wahre, “am besten gleich in großen Kannen für 12 Leute”, rufe ich ihm noch hinterher, manchmal muß man auch in die Offensive gehen.
Es kommt natürlich noch immer keiner. Und nicht etwa, weil die Knallköppe so reinlich wären, das ist ja wohl sonnenklar. Soll keiner sagen, ich hätte es nicht versucht, obwohl das nach dem gestrigen Erdnußdesaster keineswegs selbstverständlich gewesen war. Allein oder Gruppe, hatte der Mann gefragt, und ich hatte Gruppe gesagt. Schlimm, wie einem das gelohnt wird. Ich bin sicher, die hocken jetzt alle zusammen und lachen fein und leise in sich hinein, während sie Überraschungseier essen und mit den 7-Zwerge-Figuren spielen, die sie in jedem siebten Ei gefunden haben.
Ich warte, bis der Kellner in der Küche verschwunden ist und trete dann den Rückzug an.
Es wird bald mal Zeit für einen Gegenangriff!

9.00 Uhr
Keine Erdnuß mehr im Bus, nirgends. Na bitte, es geht doch!

16.00 Uhr
Lörrach liegt ganz im Südwesten der Bundesrepublik Deutschland, so nahe an der Schweizer Grenze, daß man eine tote Katze rüberschleudern könnte, was aber keiner macht, weil das verboten ist. Ebenfalls irgendwie in der Nähe: Frankreich, Freiburg, der Rhein und alles mögliche andere. Berühmter Sohn der Stadt: Otmar Hitzfeld. Das Klima: mild.

22.2. – Innsbruck

Donnerstag, den 22. Februar 2007

10.20 Uhr
Als ich den Bus betrete, sehe ich sofort, daß etwas nicht stimmt, nicht stimmen kann, die Atmosphäre aufgeladen ist mit einer undefinierbaren Spannung, und natürlich tun alle anderen so, als merkten sie nichts. Und dann dies: Auf meinem angestammten Sitz, den sich schon lange keiner von den Bagaluten mehr traut mutwillig zu besetzen, liegt eine Erdnuß. Eine ganze, mit Schale, also keine einzelne und damit halbe Erdnuß, gesalzen etwa und/oder geröstet und dann natürlich ohne Schale, ganz zu schweigen von einer Viertelerdnuß, die es ja wäre, wäre es eine halbe, weil die richtige, ganze Erdnuß ja immer zwei so Dinger beinhaltet, und das ist es hier, das ganze, seltsam geformte Ding. Auf meinem Sitzplatz. Das ist hart. Dabei hatte ich geglaubt, das wäre jetzt alles mal irgendwie in Ordnung gekommen, die Sache, hatte ich geglaubt, wäre jetzt mal ausgestanden, das Thema erledigt, vergessen, nicht nur Schnee von gestern im juppderwallschen Sinne, sondern gleich schon Schnee vom vorigen Jahr, wie es bei F. Villon heißt, denn die Bildung soll in diesem Blog auch heute nicht zu kurz kommen. Zumal gestern doch alles paletti war, um es mal in der Sprache auszudrücken, die man an den Ufern des Lindischen Ozeans spricht, das Conrad Sohm ausverkauft, das Publikum ein entfesselter Mob mit kräftigen, sangesfreudigen Kehlen und einem Tanzstil, der teils bei Lala, teils bei Tinky-Winky abgeguckt schien, begeisternd war das gewesen, und jetzt das: Eine Erdnuß.
Was wollen die einem damit sagen? Woher wissen sie, daß ich dagegen allergisch bin? Denn das bin ich, gerade so wie die Sängerin von Wir sind Helden, die das mal in einem Doppelinterview mit Blixa Bargeld erzählt hat. Außerdem weiß ich aus diesem Interview, daß die Erdnuß gar keine richtige Nuß ist, sondern eine Hülsenfrucht. Ist es also schon versuchte Körperverletzung? Oder bloß eine Warnung? Ein Gesprächsangebot über Hülsenfrüchte vs. Nuß? Eine Nachricht von Blixa Bargeld?
Schwer zu sagen. Schlimm.
Schwerer noch zu entscheiden, wie man sich verhalten soll? Soll man einfach die Nuß vom Sitz nehmen, sich hinsetzen und das Ding aufessen, wie Hamburg-Heiner es wohl machen würde? Sich einfach draufsetzen, die Nuß, die keine ist, also nicht mal ignorieren, wie der Berliner sagt?
Ohne mich, Freunde! Ich laß mich nicht provozieren und ich laß mich nicht unterkriegen. Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben.
Ich bleibe also im Gang stehen, und lasse mir nichts anmerken. Ich kann auch im Stehen tippen.
Wollen doch mal sehen, wer zuerst nachgibt.

14.10 Uhr
Habe endlich Hamburg-Heiner an die Strippe bekommen. Der sieht das alles nicht ganz so dramatisch, aber der hat ja auch leicht reden.

Hamburg-Heiner: Erdnuß? Das ist nicht gefährlich. Außer wenn man dagegen allergisch ist, dann sollte man sie nicht essen.
Sven: Bin ich aber.
HH: Echt? Die Sängerin von Wir sind Helden auch. Auf jeden Fall solltest du sie dann nicht essen.
Sven: Mach ich auf keinen Fall.
HH: Eigentlich ist das auch keine Nuß. Und neuerdings schreibt man Nuß mit Doppel-s.
Sven: Ohne mich. Ich mach das nicht mit.
HH: Das mußt du wissen, Sven. Das sind Entscheidungen, die einem keiner abnehmen kann.
Sven: Ich mag das ß.
HH: Was ist denn aus der Erdnuß geworden?
Sven: Die liegt da immer noch.
HH: Das ist hart.
Sven: Sag ich doch.
usw.

Heute waren es nur 195 km bis Innsbruck. Aber Lörrach morgen, das ist weit. Wenn die falsche Nuß bis dahin nicht verschwindet, kommt es zum Armaggeddon.
Ich kann auch anders!

15.00 Uhr
Innsbruck liegt in einem Tal, umkränzt von schneebedeckten Bergen. Es ist die Hauptstadt des österreichischen Bundeslands Tirol. Es gibt eine Sprungschanze, ein Austrotel und eine rote Straßenbahn, die einmal in der Stunde in das benachbarte Stubeital (o. s. ä.) fährt. Das Catering im Club, der den schönen Namen Hafen trägt, hält eine Schüssel mit Thunfisch bereit, der vermischt mit der roten Sauce gleich daneben die schlimmsten psychischen Wunden heilt. Das Wetter: sonnig, blauer Himmel, gigantisch klare Sicht, kurz: ein Föhn, daß die Fontanelle rauscht. Daß Innsbruck am Inn liegt, muß hier wohl nicht näher erwähnt werden. Am Inn, aber weiter unten, liegt auch Marktl, der Ort, aus dem die deutschen Päpste immer kommen.
Beeindruckend.

21.2. – Dornbirn

Mittwoch, den 21. Februar 2007

9.08 Uhr
Hab mir die Einträge von gestern noch einmal durchgelesen. Das Gute daran ist, daß sie schon in dieser frühen Phase der Tournee einen Hauch von Paranoia verströmen, der der ganzen Blog-Sause bei all ihrer Sinnlosigkeit dann doch noch eine gewisse Berechtigung verleiht. Im Grunde erwarten natürlich alle von einem Tourblog, daß sie ordentlich was zu lesen bekommen von einer Bande lustiger Jungs, die hotelzimmerzertrümmernd und auch sonst guter Dinge durch die Lande marodieren, muntere Sexwitze reißen, auf Akustikklampfen neue Songs ausprobieren und alles an Drogen nehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Und völlig zu Recht. Aber nicht so hier. Nicht so bei diesem Blog. Hier haben wir einen mißtrauischen alten Zausel, der inmitten einer 12köpfigen Reisegruppe der zarten Pflanze seines Verfolgungswahns ein Düngestäbchen an die Wurzel steckt. Stark.
Leider sprachen die Fakten gestern abend in Fribourg eine andere Sprache: Langersehnt und voll der Spielfreude das Konzert, dazu Besuch von lieben alten Freunden, die man lange nicht gesehen hatte, sehr freundliche und aufopferungsvolle Veranstalter, ein ausgezeichnetes Essen und Cardinal vom Faß bis zum Abwinken. Sieht so die Scholle aus, auf der die Paranoia gedeiht? Nein, so kann ich nicht arbeiten.

9.20 Uhr
Im Bus wieder alles in Ordnung. Muß schief in der Ecke sitzen, damit mir keiner von den neugierigen Flitzpiepen auf den Bildschirm spannt. Kann man Menschen trauen, die mit verschränkten Armen Bananen essen? Wie machen die das? Muß Schluß machen, sie kommen näher.

14.50 Uhr

Das Conrad Sohm ist eine große Holzfällerhütte im Wald, das ist schön, das ist rustikal, und das ist in Dornbirn, Vorarlberg. Vorarlberg ist das kleinste und abgeschiedenste Bundesland der Republik Österreich, getrennt vom Rest des Vaterlandes durch den Arlberg, durch den aber ein Tunnel führt, immerhin. Bekannt ist Vorarlberg durch die Bregenzer Festspiele (mit Seebühne), den Bodensee und durch ein Skigebiet, in dem früher immer Hemingway persönlich die Pistensau markierte.
Uns verbindet mit dem Vorarlberg viel Gutes, Schlechtes und Peinliches (wie ja überhaupt mit jeder Gegend im deutschen Sprachraum, wenn man mal genauer darüber nachdenkt), von welchletzterem man ja nie genau weiß, ob es zum Guten oder zum Schlechten zu zählen ist. Früher spielten wir im Vorarlberg immer im “Spielboden” Dornbirn (1987 bis 1990), später dann mal in Bregenz, mal in Feldkirch, mal in Clubs, mal in Discos, was immer gerade aufhatte.
Regine, unsere österreichische Agentin, brauchte heute morgen 7,5 Stunden mit dem Zug von Wien bis Dornbirn, da kann man sich mal einen Begriff davon machen, wie groß Österreich nämlich in Wirklichkeit ist.
Denn das soll bei diesem Blog, wenn ich schon über die anderen nicht schreiben darf (und auch nicht mehr will, damit das mal klar ist!), das Motto sein: Bildung und der Abbau von Vorurteilen. Wenn mir das gelingt, diese beiden Ziele, die ja Hand in Hand gehen, die ja quasi immer zusammen zur Tür reinkommen, in diesem Blog fest zu verankern, dann wäre ich meinem Ziel, das vielleicht langweiligste Tourtagebuch der Welt zu schreiben, schon ziemlich nahe.
Im Conrad Sohm, das sei noch schnell erzählt, gibt es zwei riesige, aus lauter Hufeisen zusammengeschweißte Sessel. Stark!

20.2. – Fribourg

Dienstag, den 20. Februar 2007

20.2., 7.30 Uhr:

Die Nacht durchgefahren, im Bus geschlafen, als ich aufwache, sind wir auf der Höhe von Freiburg. Das güldet aber nicht, wie Hamburg-Heiner sagen würde, das ist das falsche Freiburg. Überall Nebel. Deutschland bleiche Mutter usw., schlimm. Gut, daß wir in die Schweiz fahren.

20.2., 12.00 Uhr:

Fribourg ist eine schöne Stadt mit schönem Wetter und einem schönen Hotel. Auch schöne Badewanne und faire Minibarpreise. Rock’n'Roll, ich komme gleich nach.
Auf den letzten Kilometern in den Bus hinein die Frage gestellt:
Sven: Hat irgendjemand Bock darauf, im Tourblog erwähnt zu werden?
(allgemeines Schweigen)
Sven: hat irgendjemand Bock darauf, im Tourblog erwähnt zu werden.
(allgemeines Schweigen)
Sven: Hat irgendjemand Bock darauf, im Tourblog erwähnt zu werden?
usw.
Man muß natürlich die Privatsphäre der Leute akzeptieren. Aber was ist das für ein komisches Internet-Tagebuch von einer Rock’n'Roll-Tournee, in dem die anderen gar nicht vorkommen? Das ist ja wie ein Film ohne Schauspieler. Wie Dick ohne Doof. So kann ich nicht arbeiten und war dann doch traurig, daß ich Hamburg-Heiner nicht mit reingeschummelt habe, der hatte mich doch extra vor einer Woche noch gefragt:
Hamburg-Heiner (HH): Sag mal, könnt ihr auf der Tour nicht noch einen gebrauchen?
Sven: Weiß nicht, ich frag mal, was willst du denn machen?
HH (denkt hörbar nach): Hm… hm… tja… naja… – Sänger, das wäre ganz gut. Sänger würde ich machen.
Sven: Da ist gerade nichts frei. Und sonst?
HH: Bei der Vorgruppe auch nicht?
Sven: Nein, die haben schon Ed Csupkay.
HH: Ed Csupkay? Wer ist das denn?
Sven: So heißt die Vorgruppe. Sind nur zwei Leute: Ed Csupkay und Malcom Arison. Und sie heißen nur Ed Cuspkay.
HH: Naja, wenn die Ed Csupkay heißen, dann kann ich dem ja wohl kaum den Job wegnehmen.
Sven: Ja, das wäre schlecht.
HH: Wie wird denn der Name geschrieben?
Sven: Hamburg-Heiner, das ist jetzt nicht wichtig, wie der geschrieben wird. Wichtig ist, wie der ausgesprochen wird.
HH: Warum das denn?
Sven: Weil das die Niederschrift eines imaginären Telefongesprächs ist, du Paddel. Da ist es für den Leser doch viel wichtiger, wie der Name ausgesprochen wird; wie er geschrieben wird, das sieht er doch. Tschupkai, er wird wie Tschupkai ausgesprochen. Bei seiner Plattenfirma sagen sie auch gerne mal Schubski, aber das sind ja auch Menschenverächter. Oder jedenfalls Vertriebenenverächter.
HH: Ja, ja, das ist ja bekannt.
usw.
Jedenfalls wollte Hamburg-Heiner dann nicht mehr mit. Er wolle ein Vertriebenenkind nicht von seinem angestammten Arbeitsplatz verdrängen, sagte er.
Und das ehrt ihn.
Gleich ist Soundcheck. Da sind dann die anderen alle, Drückeberger, verdammte.