7.30 Uhr
Kellner im Frühstücksraum (KiF): Allein oder Gruppe?
Sven: Äh, äh…, puh, ja, also… – Gruppe.
KiF: Wieviele
Sven: 12 oder 13.
KiF: Und kommen die auch alle gleich?
Sven: Ja, glaub schon, wahrscheinlich…?
KiF (guckt Sven sehr streng an): Sicher?
Sven (wird langsam bockig): Ja logo, klar kommen die, die können ja nicht nur von Überraschungseiern leben.
KiF (gnädig herablassend): Na gut.
Und so komme ich an den großen 12er Tisch, allein. Alles ganz fein eingedeckt mit riesigen Leinentischtüchern, gefalteten Servietten usw, auf die ich erst einmal ein paar Teekannen- und Orangensaftringe appliziere, das ist nun mal so, außerdem kommen ja gleich die anderen, und die sind ja noch viel schlimmer.
Wenn sie aber nicht kommen, denke ich, während ich nacheinander drei Eier köpfe um herauszufinden, in welchem am wenigsten Glibber ist, wenn sie aber nicht kommen, dann gnade mir Gott, denn dieser Mann dort, denke ich, während ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie der Kellner mich nachdenklich betrachtet, dieser Mann wird keine Gnade kennen, soviel ist mal sicher. Um mich herum sind alle anderen großen Tische besetzt mit Gruppen guterzogener, amerikanischer Teenager, von denen sich immer mehr in den Saal ergießen und nun auch nach und nach die kleineren Tische besetzen, während ich noch immer allein an dem monströsen 12er-Tisch vor mich hinwerke und schon mal dazu übergehe, die gröbsten Schweinereien wie z. b. die Eigelbflecken und die Marmeladeneinsprengsel so gut es geht mit drei, vier Servietten zu bedecken. Der Gang zum Buffet wird zum Gang an den Pranger, ich glaube spüren zu können, wie sie hinter meinem Rücken auf mich zeigen und sich “Da läuft der verdammte Asi, der sich einen 12er-Tisch erschlichen hat, während wir unsere sportorientierte Teenagerposse auf drei, vier Einzeltische aufteilen müssen, wodurch unsere sexintensive Gruppendynamik zu einem schmerzhaften Stillstand kommt” in die Ohren flüstern, was immer das alles dann auch auf englisch heißen mag, denn das solltet ihr wissen, deutsche Verleger und Übersetzer: es gibt kein Amerikanisch, das ist eine Erfindung deutscher Verleger und Übersetzer, die mit der Realität nichts zu tun hat, es gibt kein Amerikanisch so wie es kein Österreichisch, Argentinisch oder Brasilianisch gibt, es gibt nur Englisch, Deutsch, Spanisch und Portugiesisch, und wenn jetzt ein paar Verleger- und Übersetzer-Knalltüten und -Klugscheißer kommen und davon reden, daß in den USA doch einige bemerkenswerte Unterschiede im dortigen Englisch im Verhältnis zum Englisch, das man in Großbritannien spricht, bestehen, dann schleudere ich ihnen entgegen: Das haben Sprachen so an sich, daß sie je nach Gegend auch mal etwas variieren, und kommt ihr mir mal nach Österreich oder in die Schweiz, wo es schon mal heißt: Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat, oder: Falschparkierer werden verzeigt!
Da wir gerade von Knalltüten reden: Ich sitze hier immer noch alleine, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kellner mich von hier vertreibt, aber keine Frage der Zeit mehr, daß er mich haßt, denn das tut er schon, sonst würde er nicht bei jedem zweiten Vorübergehen “Kommen die noch?!” rufen, so laut, daß die amerikanischen Teenager zusammenzucken und skihosenraschelnd in Deckung gehen.
Andererseits, denke ich, und tue noch etwas Nutella auf die Tischdecke, andererseits sind wir jetzt schicksalhaft verbunden. Sicher möchte er mich am liebsten vertreiben, aber das wäre nicht nur eine Demütigung meiner Person, sondern auch ein Eingeständnis seiner eigenen Niederlage, denn er müßte dann wegen einem einzigen Mann den ganzen 12er-Tisch wieder herrichten, und je mehr Schaden ich hier anrichte, desto unantastbarer macht es mich, denke ich und werfe erst einmal ein Orangensaftglas um, und als der Kellner wieder vorbeikommt und “Kommen die noch?” brüllt, daß die Fensterscheiben zittern, sage ich ihm, daß die natürlich noch kommen, die duschen immer nur so lange, und daß er mir bitte mal Kaffee bringen möge, der Tee sei doch nicht so das Wahre, “am besten gleich in großen Kannen für 12 Leute”, rufe ich ihm noch hinterher, manchmal muß man auch in die Offensive gehen.
Es kommt natürlich noch immer keiner. Und nicht etwa, weil die Knallköppe so reinlich wären, das ist ja wohl sonnenklar. Soll keiner sagen, ich hätte es nicht versucht, obwohl das nach dem gestrigen Erdnußdesaster keineswegs selbstverständlich gewesen war. Allein oder Gruppe, hatte der Mann gefragt, und ich hatte Gruppe gesagt. Schlimm, wie einem das gelohnt wird. Ich bin sicher, die hocken jetzt alle zusammen und lachen fein und leise in sich hinein, während sie Überraschungseier essen und mit den 7-Zwerge-Figuren spielen, die sie in jedem siebten Ei gefunden haben.
Ich warte, bis der Kellner in der Küche verschwunden ist und trete dann den Rückzug an.
Es wird bald mal Zeit für einen Gegenangriff!
9.00 Uhr
Keine Erdnuß mehr im Bus, nirgends. Na bitte, es geht doch!
16.00 Uhr
Lörrach liegt ganz im Südwesten der Bundesrepublik Deutschland, so nahe an der Schweizer Grenze, daß man eine tote Katze rüberschleudern könnte, was aber keiner macht, weil das verboten ist. Ebenfalls irgendwie in der Nähe: Frankreich, Freiburg, der Rhein und alles mögliche andere. Berühmter Sohn der Stadt: Otmar Hitzfeld. Das Klima: mild.