21.2. – Dornbirn
9.08 Uhr
Hab mir die Einträge von gestern noch einmal durchgelesen. Das Gute daran ist, daß sie schon in dieser frühen Phase der Tournee einen Hauch von Paranoia verströmen, der der ganzen Blog-Sause bei all ihrer Sinnlosigkeit dann doch noch eine gewisse Berechtigung verleiht. Im Grunde erwarten natürlich alle von einem Tourblog, daß sie ordentlich was zu lesen bekommen von einer Bande lustiger Jungs, die hotelzimmerzertrümmernd und auch sonst guter Dinge durch die Lande marodieren, muntere Sexwitze reißen, auf Akustikklampfen neue Songs ausprobieren und alles an Drogen nehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Und völlig zu Recht. Aber nicht so hier. Nicht so bei diesem Blog. Hier haben wir einen mißtrauischen alten Zausel, der inmitten einer 12köpfigen Reisegruppe der zarten Pflanze seines Verfolgungswahns ein Düngestäbchen an die Wurzel steckt. Stark.
Leider sprachen die Fakten gestern abend in Fribourg eine andere Sprache: Langersehnt und voll der Spielfreude das Konzert, dazu Besuch von lieben alten Freunden, die man lange nicht gesehen hatte, sehr freundliche und aufopferungsvolle Veranstalter, ein ausgezeichnetes Essen und Cardinal vom Faß bis zum Abwinken. Sieht so die Scholle aus, auf der die Paranoia gedeiht? Nein, so kann ich nicht arbeiten.
9.20 Uhr
Im Bus wieder alles in Ordnung. Muß schief in der Ecke sitzen, damit mir keiner von den neugierigen Flitzpiepen auf den Bildschirm spannt. Kann man Menschen trauen, die mit verschränkten Armen Bananen essen? Wie machen die das? Muß Schluß machen, sie kommen näher.
14.50 Uhr
Das Conrad Sohm ist eine große Holzfällerhütte im Wald, das ist schön, das ist rustikal, und das ist in Dornbirn, Vorarlberg. Vorarlberg ist das kleinste und abgeschiedenste Bundesland der Republik Österreich, getrennt vom Rest des Vaterlandes durch den Arlberg, durch den aber ein Tunnel führt, immerhin. Bekannt ist Vorarlberg durch die Bregenzer Festspiele (mit Seebühne), den Bodensee und durch ein Skigebiet, in dem früher immer Hemingway persönlich die Pistensau markierte.
Uns verbindet mit dem Vorarlberg viel Gutes, Schlechtes und Peinliches (wie ja überhaupt mit jeder Gegend im deutschen Sprachraum, wenn man mal genauer darüber nachdenkt), von welchletzterem man ja nie genau weiß, ob es zum Guten oder zum Schlechten zu zählen ist. Früher spielten wir im Vorarlberg immer im “Spielboden” Dornbirn (1987 bis 1990), später dann mal in Bregenz, mal in Feldkirch, mal in Clubs, mal in Discos, was immer gerade aufhatte.
Regine, unsere österreichische Agentin, brauchte heute morgen 7,5 Stunden mit dem Zug von Wien bis Dornbirn, da kann man sich mal einen Begriff davon machen, wie groß Österreich nämlich in Wirklichkeit ist.
Denn das soll bei diesem Blog, wenn ich schon über die anderen nicht schreiben darf (und auch nicht mehr will, damit das mal klar ist!), das Motto sein: Bildung und der Abbau von Vorurteilen. Wenn mir das gelingt, diese beiden Ziele, die ja Hand in Hand gehen, die ja quasi immer zusammen zur Tür reinkommen, in diesem Blog fest zu verankern, dann wäre ich meinem Ziel, das vielleicht langweiligste Tourtagebuch der Welt zu schreiben, schon ziemlich nahe.
Im Conrad Sohm, das sei noch schnell erzählt, gibt es zwei riesige, aus lauter Hufeisen zusammengeschweißte Sessel. Stark!