22.2. – Innsbruck
10.20 Uhr
Als ich den Bus betrete, sehe ich sofort, daß etwas nicht stimmt, nicht stimmen kann, die Atmosphäre aufgeladen ist mit einer undefinierbaren Spannung, und natürlich tun alle anderen so, als merkten sie nichts. Und dann dies: Auf meinem angestammten Sitz, den sich schon lange keiner von den Bagaluten mehr traut mutwillig zu besetzen, liegt eine Erdnuß. Eine ganze, mit Schale, also keine einzelne und damit halbe Erdnuß, gesalzen etwa und/oder geröstet und dann natürlich ohne Schale, ganz zu schweigen von einer Viertelerdnuß, die es ja wäre, wäre es eine halbe, weil die richtige, ganze Erdnuß ja immer zwei so Dinger beinhaltet, und das ist es hier, das ganze, seltsam geformte Ding. Auf meinem Sitzplatz. Das ist hart. Dabei hatte ich geglaubt, das wäre jetzt alles mal irgendwie in Ordnung gekommen, die Sache, hatte ich geglaubt, wäre jetzt mal ausgestanden, das Thema erledigt, vergessen, nicht nur Schnee von gestern im juppderwallschen Sinne, sondern gleich schon Schnee vom vorigen Jahr, wie es bei F. Villon heißt, denn die Bildung soll in diesem Blog auch heute nicht zu kurz kommen. Zumal gestern doch alles paletti war, um es mal in der Sprache auszudrücken, die man an den Ufern des Lindischen Ozeans spricht, das Conrad Sohm ausverkauft, das Publikum ein entfesselter Mob mit kräftigen, sangesfreudigen Kehlen und einem Tanzstil, der teils bei Lala, teils bei Tinky-Winky abgeguckt schien, begeisternd war das gewesen, und jetzt das: Eine Erdnuß.
Was wollen die einem damit sagen? Woher wissen sie, daß ich dagegen allergisch bin? Denn das bin ich, gerade so wie die Sängerin von Wir sind Helden, die das mal in einem Doppelinterview mit Blixa Bargeld erzählt hat. Außerdem weiß ich aus diesem Interview, daß die Erdnuß gar keine richtige Nuß ist, sondern eine Hülsenfrucht. Ist es also schon versuchte Körperverletzung? Oder bloß eine Warnung? Ein Gesprächsangebot über Hülsenfrüchte vs. Nuß? Eine Nachricht von Blixa Bargeld?
Schwer zu sagen. Schlimm.
Schwerer noch zu entscheiden, wie man sich verhalten soll? Soll man einfach die Nuß vom Sitz nehmen, sich hinsetzen und das Ding aufessen, wie Hamburg-Heiner es wohl machen würde? Sich einfach draufsetzen, die Nuß, die keine ist, also nicht mal ignorieren, wie der Berliner sagt?
Ohne mich, Freunde! Ich laß mich nicht provozieren und ich laß mich nicht unterkriegen. Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben.
Ich bleibe also im Gang stehen, und lasse mir nichts anmerken. Ich kann auch im Stehen tippen.
Wollen doch mal sehen, wer zuerst nachgibt.
14.10 Uhr
Habe endlich Hamburg-Heiner an die Strippe bekommen. Der sieht das alles nicht ganz so dramatisch, aber der hat ja auch leicht reden.
Hamburg-Heiner: Erdnuß? Das ist nicht gefährlich. Außer wenn man dagegen allergisch ist, dann sollte man sie nicht essen.
Sven: Bin ich aber.
HH: Echt? Die Sängerin von Wir sind Helden auch. Auf jeden Fall solltest du sie dann nicht essen.
Sven: Mach ich auf keinen Fall.
HH: Eigentlich ist das auch keine Nuß. Und neuerdings schreibt man Nuß mit Doppel-s.
Sven: Ohne mich. Ich mach das nicht mit.
HH: Das mußt du wissen, Sven. Das sind Entscheidungen, die einem keiner abnehmen kann.
Sven: Ich mag das ß.
HH: Was ist denn aus der Erdnuß geworden?
Sven: Die liegt da immer noch.
HH: Das ist hart.
Sven: Sag ich doch.
usw.
Heute waren es nur 195 km bis Innsbruck. Aber Lörrach morgen, das ist weit. Wenn die falsche Nuß bis dahin nicht verschwindet, kommt es zum Armaggeddon.
Ich kann auch anders!
15.00 Uhr
Innsbruck liegt in einem Tal, umkränzt von schneebedeckten Bergen. Es ist die Hauptstadt des österreichischen Bundeslands Tirol. Es gibt eine Sprungschanze, ein Austrotel und eine rote Straßenbahn, die einmal in der Stunde in das benachbarte Stubeital (o. s. ä.) fährt. Das Catering im Club, der den schönen Namen Hafen trägt, hält eine Schüssel mit Thunfisch bereit, der vermischt mit der roten Sauce gleich daneben die schlimmsten psychischen Wunden heilt. Das Wetter: sonnig, blauer Himmel, gigantisch klare Sicht, kurz: ein Föhn, daß die Fontanelle rauscht. Daß Innsbruck am Inn liegt, muß hier wohl nicht näher erwähnt werden. Am Inn, aber weiter unten, liegt auch Marktl, der Ort, aus dem die deutschen Päpste immer kommen.
Beeindruckend.