Donnerstag, 2.40
Wenn eine Band wie Element of Crime eine Platte aufnimmt, dann bekommt mehr oder weniger jedes Instrument eine eigene „Spur“ auf einem zwei Zoll (etwa 5 cm) breiten, magnetischen Band zugewiesen, auf welchletzterem in diesem Falle (es gibt auch andere Fälle) 24 solcher Spuren parallel zueinander verlaufen und individuell durch einen entsprechenden Tonkopf abgetastet werden können. Das bedeutet, daß man (durch Aktivieren des „synch“-Tonkopfes) gleichzeitig die eine Spur abhören kann, während man synchron dazu auf eine andere Spur aufnimmt. Man kann also zum Beispiel eine Gitarre abspielen und währenddessen dazu singen und den Gesang genau synchron auf demselben Band aufnehmen. Wenn man solche Bandmaschinen nicht hat, kann man das Verfahren auch mit Computern simulieren. Man kann auch Bandmaschinen mit Computern synchronisieren, wenn man z. B. mehr als 24 Spuren braucht. Bei unserer Produktion brauchten wir für das Schlagzeug allein 10 Spuren: 2 für die Bass-Drum, 2 für die beiden Toms, 1 für die Snare, 2 Overhead- und zwei Ambient-Spuren und 1 für die HiHat. Dann gibt es bei eigentlich allen Stücken eine Spur für Bass, mehrere für mehrere Gitarren, eine Spur für Gesang, dann u. U. und je nach Stück Spuren für Klavier, Hammond-Orgel, Violine, Trompeten, Mandolinen, Ukulele, Akkordeon, Streichquartett (6 Spuren), Percussion, Mundharmonika, Melodika und was weiß ich denn.
Alle diese Instrumente werden so aufgenommen, daß sie ihren ihnen aufzeichnungstechnisch möglichen Volumenpegel möglichst ausfüllen, damit die Nebengeräusche weitgehend reduziert werden, bzw. bei digitalen Aufnahmen die Auflösung möglichst groß ist. Oder, um es (leicht verkürzt) auf den Punkt zu bringen: Die Spuren sind alle ungefähr gleich laut, wenn man sie alle mit der gleichen Einstellung abspielt.
Dies nun passiert beim Mix:
a) Man regelt das Lautstärkeverhältnis der einzelnen Spuren zueinander, indem man ein Mischpult benutzt, auf dem jeder Spur ein eigener Lautstärkeregler zugewiesen ist, und das das Gesamtergebnis dann auf zwei Spuren (wg. Stereo) zusammenführt (mixt). Das ist das Wichtigste: Die Balance der einzelnen Instrumente.
b) Man bearbeitet (wenn nötig!) den Klang der einzelnen Instrumente. Dazu können mit Hilfe von sog. Equalizern und anderen, verwandten Geräten einzelne Tonfrequenzen hervorgehoben oder unterdrückt werden, die Sache kann also spitzer, dumpfer, greller, heller, nöliger, gepflegter, bummbummiger oder was auch immer gemacht werden. Hier sind äußerste Vorsicht und Fingerspitzengefühl geboten.
c) Man gibt, wenn gewünscht, den einzelnen Spuren oder dem Gesamtsound Hall oder Echo hinzu, indem man das akustische Signal, das vom Band kommt, durch ein entsprechendes Effektgerät schickt.
Das klingt einfach, aber es sieht ja auch einfach aus, wenn Gideon Kremer die Geige spielt. Am besten läßt man es jemanden machen, der solchen Dingen sein ganzes Leben gewidmet hat.
Wenn man Musik macht wie wir, dann geht man, wenn es finanziell machbar ist (das ist eine Frage des Budgets, und das Budget ist eine Frage des zu erwartenden Verkaufserfolgs) zu Roger Moutenot, weil der dafür der Beste ist. Und da er in Nashville lebt, fährt man dann nach Nashville. Roger hat auch schon das Album „Mittelpunkt der Welt“ gemischt.
Ein Wort noch zum Schluß: Die Songs eines Albums werden nicht besser durch die Mischung. Man kann aus einem Ackergaul auch durch noch so gutes Mischen kein Rennpferd machen. Aber man kann gute Aufnahmen guter Songs durch schlechtes Mischen verderben. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Ein guter Mix fällt als Mix nicht auf, ein schlechter Mix nervt. Für eitle Menschen eine lose-lose-Situation. Deshalb sind Leute, die das gut können, immer extrem uneitle Obersympathen!
[photopress:IMG_0188.JPG,full,pp_image]
Beispiel für einen unkonventionellen Mix: Blaubeerpfannkuchen und Rührei. Und nun die entscheidende Frage: Wo soll der Sirup hin?
[photopress:IMG_0162.JPG,full,pp_image]
Zwei extrem uneitle Obersympathen: David Young und Roger Moutenot.